In der Stille ankommen – ein Erfahrungsbericht vom Vipassana-Metta Retreat

Fluss Retreat Meditation

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Langsam hinkommen

Der Advent und die Wochen vor Weihnachten werden traditionell als die stillste Zeit des Jahres bezeichnet. Dieses Versprechen kann ich mittlerweile inmitten des städtischen Vorweihnachtstrubels jedoch nur mehr als Echo aus der Vergangenheit wahrnehmen. So liegt es oft an uns selbst, Stille im Inneren sowie im Außen zu erschaffen. Nach Empfehlung und einem kurzen Blick auf die Website des Buddhistischen Zentrums in Scheibbs, habe ich daher nicht lange gewartet und mich für ein Vipassana-Metta Retreat eingeschrieben. Mitte Dezember verbrachte ich dann ein verlängertes Wochenende in Schweigen, übte Achtsamkeit und Einsicht bei der Vipassana-Meditation, sowie eine Haltung von liebender Güte und Wohlwollen für alle Lebewesen während der Metta-Meditation.

Da ich mich schon davor ein wenig auf die kommenden Tage einstimmen wollte, begann ich noch zuhause am Tag der Abreise mit dem Retreat. Am Morgen blickte ich aus dem Fenster und was ich zunächst als Fusseln in der Luft identifizierte, stellte sich nach kurzer Zeit als die ersten Schneeflocken heraus, die ich diesen Winter sah. Die weißen Flöckchen wurden immer mehr und bewegten sich ohne jegliche Eile vom Himmel Richtung Boden, wo eines nach dem anderen vor meinen Augen auf dem Fensterbrett landete. Ich beobachtete eine Weile die Reise der Weißröckchen, die ihre Existenz nach kurzer Berührung an ihren Landeplatz abgaben. Ich fühlte, wie sich eine leise Zufriedenheit und ein Wohlfühlgefühl in mir niedersetzten. Dieses Empfinden dauerte noch an, als ich meinen Rucksack aufschnallte und mich auf den Weg zum Bahnhof begab. Ich fuhr mit dem Zug vom Westbahnhof nach Pöchlarn und von dort weiter mit dem Regionalzug nach Scheibbs. In der Bahn las ich in meinem Buch mit dem Wissen, dass ich dies die nächsten Tage nicht mehr öffnen würde. Beim Zugfahren bekomme ich oft den Eindruck, die Zeit zu entschleunigen und für mich gewinnen zu können. Wie viel Tempo tatsächlich noch möglich war, rauszunehmen, erkannte ich nach dem Umsteigen in den Zug nach Scheibbs, der so langsam fährt, dass ich zunächst dachte, es gäbe ein Problem. Da er jedoch weiter gemächlich durch die still mit Schnee bedeckte Landschaft tuckerte, ließ ich mich auf diese kleine Zeitreise ein.

Ich hatte bereits beschlossen, dass ich von Scheibbs nicht den Bus zum Meditationszentrum nehmen, sondern stattdessen hin spazieren wollte. Bei meiner Ankunft war es bereits dunkel. Der Weg führte mich entlang der Erlauf vorbei an beleuchteten Häusern, Kirchen und Brücken, die sich im Wasser des Flusses spiegelten. Aus der Ferne erkannte ich plötzlich eine Gestalt, die sich mit jedem weiteren Schritt als sitzende (und meditierende?) Figur, eingehüllt in bunten Gewändern offenbarte.

Der letzte Anstieg zum Zentrum war mit einer leichten Schneedecke überzogen. Begleitet vom Knistern meiner Schritte und von Straßenlaternen, deren Schein die Schneekristalle zum Leuchten brachte, folgte ich mit leiser Aufregung den Schildern zum Zentrum.

Vom Ankommen und noblen Schweigen

Es dauerte kurz bis ich den richtigen Eingang fand. (Die Lichterketten und das Schild, die ich noch unten am Weg dem Zentrum zuordnete, haben sich dann doch bald als Baukran herausgestellt…). Im Haus angekommen, hörte ich bereits Stimmen in den oberen Stöcken. Ich folgte ihnen und landete zu meiner Zufriedenheit gleich im Mehrbettzimmer für Frauen, das ich gebucht hatte. Zwei Teilnehmerinnen im Zimmer unterhielten sich schon angeregt und da uns noch kein Schweigegelübde abgenommen wurde, klinkte ich mich auch in die Gespräche ein. Wir witzelten, dass wir noch einen Pitch zu unserer Lebensgeschichte vorbereiten sollten. Irgendwann im Laufe dieses Abends würde nämlich das Schweigen beginnen. Als ich mein Bett bezogen hatte, fragte ich mich, ob jenes über mir leer bleiben würde. In dem Moment erfuhr ich, dass ich wohl die Liste zur Zimmereinteilung übersehen hatte und einfach bereits davon ausgegangen war, in „meinem“ Zimmer gelandet zu sein. Oje, ich hatte bereits mühevoll das Kissen in die zu kleine Öffnung des Überzugs gequetscht und meine sieben Sachen auf dem Nachtkästchen und im Kleiderschrank verteilt. Ein kurzer Blick auf die Liste, die gleich beim Eingang hing, hat mir jedoch dann erleichtert meinen Namen unter der richtigen Zimmernummer gezeigt. Ich habe es doch gespürt!

Um 18:30 Uhr gab es das erste Abendmahl und ich traf auf alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Retreats. Es war erfrischend zu erkennen, dass sich hier eine Vielfalt an ca. 30 Menschen von Mitte 20 bis Mitte 70, Frauen und Männer, eingefunden hat. Wir unterhielten uns lautstark (besonders im Vergleich zu den anschließenden Tagen) und genossen die wärmende Suppe. Ich hatte mich ehrlich gesagt schon auf karges, geschmackloses Essen eingestellt, wurde jedoch bei jeder Mahlzeit aufs Neue von leckeren Gerichten überrascht. Der Leiter des Hauses machte uns noch mit den Regeln und dem Ablauf des Retreats vertraut, bevor wir dann zum ersten Mal in den Meditationsraum eintrudelten. Dieser Raum sollte uns in den nächsten Tagen immer vertrauter und zu einem Ort des Rückzugs werden. Wir fanden unsere Plätze, in meinem Fall an der Wand gelegen. Da genug Kissen und Decken zur Verfügung standen, nahm ich mir ein paar Hilfsmittel, um mich zuzudecken und meine Beine abzustützen. So entstand allmählich für jede und jeden der ganz eigene Meditationsplatz, an dem sich in den kommenden Tagen unterschiedliche Erfahrungen entfalten durften. Die Seminarleiterin Andrea Huber begrüßte uns und klärte noch ein paar offene Punkte, bevor sie schließlich das erwartete (oder befürchtete?) Schweigen einläutete.

Nobles Schweigen am Retreat bedeutete von jeglicher Kommunikation abzusehen – kein Lesen, keine Zeichensprache, kein Handy, kein Sich-Zettel-Zuschieben und auch so wenig Augenkontakt wie möglich. Andrea hat uns dazu als Metapher das Bild einer Käseglocke über unserem Körper mitgegeben. Gedanken an „The Handmaid’s Tale“ tauchten in mir auf und ich sah diese Käseglockenkleidung vor mir (zum Glück ohne die weiteren Charakteristika aus der dystopischen Zukunft von Margaret Atwood). Mein Handy hatte ich zunächst in den Flugmodus gegeben, dann aber beschlossen All In zu gehen und es auszuschalten. Ich fühlte tatsächlich Erleichterung – ein paar Menschen hatte ich vorab über meine digitale Abwesenheit informiert und der Rest würde im Falle des Falles sicher auch ein paar Tage auf meine Antwort warten können. Interessant war, dass ich ohne Handy auch den Überblick über die Zeit verlor, da ich keine andere Uhr besaß. Im Zentrum entdeckte ich bis zum Schluss nur eine Uhr im Speisesaal und eine kleine Uhr im Meditationsraum am Platz unserer Seminarleiterin. Damit wir dennoch rechtzeitig aufstanden und uns auch immer wieder gemeinsam zu den Meditationen einfinden, wurde vor jedem Zusammenkommen ein Gong geläutet.

Meditieren in der Gruppe und die Trainingsregeln am Retreat

Die ersten Meditationen standen ganz im Zeichen des Ankommens: in der Stille ankommen, im Raum ankommen, im Kreis der Meditierenden ankommen.

In der Stille angekommen

In der Stille angekommen
gehe ich in mich,
stehe ich zu meinen
Stärken und Schwächen,
liegen mir mein Leben
und die Liebe
am Herzen.
In der Stille angekommen,
sehe ich mich, dich, euch
und die Welt
mit anderen Augen,
mit den Augen des Herzens.
In der Stille angekommen,
höre ich auf mein Inneres,
spüre ich Geborgenheit,
lerne ich Gelassenheit,
tanke ich Vertrauen.
(Ernst Ferstl)

Im Raum war auch eine große Buddha-Statue, vor der sich einige regelmäßig verbeugten. Da es mir persönlich etwas widerstrebt, mich vor einer Statue zu verneigen, war ich erleichtert, dass sich jede*r – wenn gewollt – ihr eigenes Ritual schaffen konnte, um in die Meditationshaltung zu gelangen. So verbeugte ich mich bei jedem Ankommen auf meinem Platz innerlich vor mir Selbst. In den ersten Abendmeditationen spürte ich die Gruppe im Raum und bemerkte, dass ich ein höheres Maß an Konzentration und Sammlung benötigte, um nicht von verschnupften Nasen abgelenkt zu werden. Das Meditieren in einer so großen Gruppe hat ihre Stärken und auch ihre ganz eigenen Herausforderungen, die sich jedoch immer wieder als besonders lehrreich erwiesen. Später im Retreat verbrachte ich eine Pause im Meditationsraum und lauschte fasziniert der vielfältigen Geräuschkulisse, die der Mensch trotz Schweigens erschaffen kann. Immer mehr Instrumente gesellten sich in dem Moment zum großbesetzten Orchester: Schniefen, Husten, Kissen verrutschen, Schnäuzen, mein eigener Atem, der Atem der anderen, Flaschen öffnen, Gluckgeräusche, Bauchgrummeln, Schnaufen, meine Schluckgeräusche, Rascheln der Kleidung, das geräuschvolle Ausatmen, nachdem man etwas Gutes getrunken hat (“Gibt es dafür einen Namen?”).

Jeden Abend sangen wir Chantings und nahmen damit auch die alternativen Fünf Sila an – Trainingsregeln, an die wir uns im Zeitraum des Retreats halten sollen:

  1. Ich nehme die Trainingsregel an, keine lebendigen Wesen zu töten.
  2. Ich nehme die Trainingsregel an, nicht zu nehmen, was nicht gegeben ist.
  3. Ich nehme die Trainingsregel an, mich von sexueller Aktivität zu enthalten.
  4. Ich nehme die Trainingsregel an, mich falscher Rede zu enthalten.
  5. Ich nehme die Trainingsregel an, mich von berauschenden Getränken und Substanzen zu enthalten, die zu Nachlässigkeit führen.

Auf den ersten Blick sah ich in der Einhaltung dieser Regeln keine persönliche Herausforderung: Töten und Stehlen zähle ich auch im Alltag nicht zu meinen Freizeitbeschäftigungen; mein Freund befindet sich zu dem Zeitpunkt gerade ca. 9.000 km entfernt im brasilianischen Amazonasgebiet; geredet wird eh nix und Schnapserl habe ich auch keines in meiner Flasche reingeschmuggelt. (Ein Danke an dieser Stelle auch an meine Soulbottle, die stets eine treue Begleiterin war und mir am Ende des Retreats nach einer kurzen, aber harten Bekanntschaft mit dem Parkplatz des Scheibbser Bahnhofs noch eine Lektion über das Loslassen mitgegeben hat.) Ausgerechnet die erste Regel, die ich fast überlese, da sie so selbstverständlich erschien, wird mich noch in ein wahres „Bedrängnis“ bringen, aber dazu später mehr.

Am Ende des Tages schlichen wir uns still aus dem Raum. In den Gemäuern des Zentrums breitete sich mit langsamen Schritten eine Atmosphäre der Achtsamkeit und Ruhe aus. Ich ging auf mein Zimmer, das sich in der Zwischenzeit mit weiteren Frauen gefüllt hatte und mich nun mit sechs bezogenen Betten begrüßte. Vor dem Schlafengehen wollte ich noch zu den Duschen und wurde prompt mit der ersten kleinen Herausforderung des Schweigens konfrontiert: Ich hatte keine Ahnung, wo die Badezimmer waren und wollte auch nicht jetzt schon die Käseglocke verlassen. Nach einiger Zeit des Umherschleichens entdeckte ich im Stock über unserem Schlafzimmer im hintersten Gang ein Badezimmer. Ich war zunächst kurz überrascht über den Komfort eines Einzelbadezimmers mit großer Dusche. Doch erst als ich schon bereit für das reinigende Wasser war, regte sich in mir der Verdacht, dass ich mich in einem Privatbadezimmer befand. Da ich mich jedoch bereits in Evaskostüm (vor dem Sündenfall) befand, beschloss ich heute in diesem Paradies zu bleiben und erst am nächsten Tag die Suche nach dem Gemeinschaftsbadezimmer fortzusetzen.

Achtsamkeit im Miteinander – das Spiel der Momente

Die kommenden Retreat-Tage waren nach einem genauen Tagesablauf strukturiert, dem wir alle stillschweigend zustimmten.

Wecken 6.30
Yoga und Sitzmeditation 7.00 – 8.00
Frühstück 8.00
Selbstlose Hilfe 8.45 – 9.45
Meditationsanleitung  10.00 – 10.15
Sitzmeditation    10.15 – 11.00
Gehmeditation 11.00 -11.45
Sitzmeditation 11.45 -11.30
Mittagessen , Ruhe 12.30
Yoga 15.00 – 15.45
Sitzmeditation 15.45- 16.30
Teepause 16.30 – 16.45
Gehmeditation  16.45 – 17.15
Sitzmeditation 17.15 -18.00
Abendessen  18.00
Vortrag und Chanting   19.45 – 20.30
Gehmeditation  20.30 – 20.45
Sitzmeditation   20.45 – 21.15

Immer mehr wurden mir im Laufe der Tage die Besonderheiten des Schweigens und des achtsamen Umgangs in einer Gruppe bewusst: Ich versuchte mich sehr entschleunigt zu bewegen, Blickkontakt eher zu vermeiden und dennoch geschmeidig im Fluss des Miteinanders zu sein. Gleich vorweg: so gut hat das nicht immer geklappt. Da wir uns nicht einfach etwas zurufen können am Gang oder beim Frühstück, benötigte es eine gewisse Umsicht, um zu erkennen, wann ich anderen Teilnehmenden bei etwas behilflich sein kann. Diese Achtsamkeit in der Stille zu bewahren (oder vielmehr immer wieder herzuholen), bei sich zu bleiben und gleichzeitig das Ganze, dieses organische Spiel mit vielen Teilnehmenden nicht aus den Sinnen zu verlieren, zählt für mich zu den größten Lehrmomenten und Erkenntnissen am Retreat.

Daraus haben sich auch immer wieder unfreiwillig amüsante und spannende Momente ergeben: Während eines gemeinsamen Essens wollte ich gerade sehr vorsichtig ein Stück Brot mit Butter bestreichen, als es sich plötzlich eigenständig machte, in hohem Bogen aus meiner Hand sprang und am Boden landete. Meine Sitznachbarin begann nicht ganz unmerklich zu kichern und ich konnte mir ein Grinsen auch nicht verkneifen. Zum Glück war es nur ein kleines Scherzerl, das uns beide amüsierte und so hielt sich der Brotverlust in Grenzen.

Beim Frühstück setzte ich mich neben eine Dame, die kurz darauf aufstand, um sich womöglich Kaffee, Tee oder ähnliches zu holen. Nach einem Moment, in dem ich mich vollkommen meinem Frühstücksbrei widmete, bemerkte ich einen Mann im Augenwinkel, der sich neben mich auf den bereits angewärmten Platz setzte. In aller Kürze hatten sich in meinem Kopf Handlungsoptionen ausgebreitet. Ich könnte nun mein Schweigen brechen und ihn darauf hinweisen, dass der Platz bereits besetzt war. Oder ich krame meine Pantomimekenntnisse heraus, die jedoch für diese komplexe Situation noch nicht trainiert waren. Im Endeffekt machte ich nichts von beiden und beobachtete nur gleich darauf, wie sich meine ehemalige Sitznachbarin auf mich zu bewegte und sich dann an Erkenntnis reicher einen anderen freien Sitzplatz suchte. Zum Glück sind wir hier ja nicht auf der Reise nach Jerusalem (Wikipedia sagt mir, dass dieses Spiel auch „Stuhltanz“ genannt wird, das kommt mir weniger historisch aufgeladen vor).

Ein weiteres lustiges Spiel nenne ich liebevoll „Lass die Obstschalen wandern“. In der Küche gab es zwei Abfalleimer, einen für den Restmüll und einen für den Biomüll. Über dem Bioeimer lag ein Zettel, der uns darum bat, keine Bananen- oder Orangenschalen in den Bioabfall zu geben. Da ich mich für meine erste Schicht des selbstlosen Arbeitens zum Küchendienst am Morgen eingetragen hatte, konnte ich nach dem Frühstück das Spiel beginnen und beförderte die verirrten Obstschalen vom Bio- in den Restmüll. Anschließend verschob ich den Hinweiszettel etwas, sodass er ersichtlicher wurde. Am nächsten Morgen ging es in die zweite Runde des Spiels, Teilnehmer*innenanzahl unbekannt, mindestens zwei. Ich legte den Zettel dieses Mal halb über den Eimer, was es meiner Ansicht nach unmöglich machte, ihn zu übersehen. Ein Retreat-Teilnehmer, der sich auch in der Küche befand, zeigte mir daraufhin den Daumen nach oben. Spätestens in diesem Augenblick erkannte ich einen weiteren Mitspieler – mein Öko-Ego, das sich in diesem Fall sogar gemeinsam mit dem Achtsamkeit-Ego vergnügte. Das Ego will sich ja immer irgendwie abheben und unbedingt etwas Besonderes sein. Dabei freut es sich händereibend über solche Gelegenheiten.

Das Achtsamkeit-Ego hatte kurz davor schon einen Auftritt auf meiner inneren Bühne, als ich die Tür zum Garten hinter einem Teilnehmer zumachen „musste“ („Da hat wohl einer keine Türen daheim“). Am nächsten Tag wollte ich das Haupthaus betreten und erkannte, dass sich eine Teilnehmerin hinter mir am Gang befand. Also ließ ich die Türe für sie offen, um sie nicht vor ihrer Nase zu schließen. Ein paar Schritte später konnte ich jedoch keinen Menschen mehr hinter mir wahrnehmen, stattdessen drang die kalte Dezemberluft nach drinnen. Die Frau wollte offensichtlich gar nicht eintreten, sondern ging gerade am Gang weiter. In solchen Momenten merke ich besonders, was es bedeutet, meinen Gedanken mit etwas Abstand zu lauschen und das Verhalten zu beobachten. Es fällt mir dann oft leichter zu erkennen, dass wir Menschen uns aus verschiedenen Gründen sehr oft in der gleichen Situation vorfinden – wir knallen vielleicht die Türe vor jemanden zu oder wir lassen kalte Luft eindringen.

Für den zweiten Tag des Retreats habe ich mich zum selbstlosen Reinigen der Badezimmer eingetragen. Mittlerweile hatte ich auch das Gemeinschaftsbadezimmer gefunden, in dem sich mehrere Duschkabinen befanden, welche ich alle nach der Reihe putzte. Eine der Kabinen verwandelte sich bald nach Betreten in eine Arena, in der mich unerwartet Trainingsregel Nr. 1 in Form eines Weberknechts im linken oberen Eck herausforderte. (Beim Schreiben dieser Worte steigt der Verdacht auf, dass ich eventuell schon bei der Benützung des vermeintlichen Privatbadezimmers Regel Nr. 2 gebrochen hatte.) Es ist jedoch keineswegs so, dass mich der langbeinige Knecht bzw. Opa Langbein in Panik versetzt und ich ihn reflexartig an die Wand klatschen will. Vielmehr habe ich gleich mehrere Versuche gestartet, ihn aus der Kabine zu bewegen und beim Putzen nicht versehentlich in die ewigen Webgründe zu schicken. Von einer Ecke zur anderen tanzend, musste der (die?) Arme sich mehrmals knapp aus den Wasserfluten und vor Duschtüren mit plattmachenden Verdichtungen retten. Ich beendete schließlich den mehr oder weniger eleganten Weberknecht-Tango, ließ meinen Partner lebend zurück und konnte die erste Regel weiterhin einhalten.

Erkenntnisse am Kissen und zwischendurch

Auch bei der Meditation „on the cushion“ (Sitzmeditation) bzw. „on the feet“ (Gehmeditation) haben sich interessante Momente aufgetan. Einen gesamten Tag beschäftigten wir uns mit Metta. Metta bedeutet liebende Güte, ein Gefühl, das uns und allen Lebewesen mit Wohlwollen begegnen lässt. Immer wieder haben wir geübt, unser Herz zu öffnen und Wünsche an unsere Mitmenschen und uns selbst zu richten.

Fürsorge

In diesen Momenten,
in denen du für die ganze Welt sorgen möchtest,
erinnere dich, dass die ganze Welt
auch in dir ist.
Und du kannst nur hier beginnen – dich kümmern um
diese Haut, diese Knochen, dieses Herz.
Tauche tief ein in diese Fürsorge,
und jede Zelle wird ein Tempel,
in dem die Welt verehrt wird.

(Rachel Holstead)

In manchen Momenten während der Metta-Meditation im Sitzen schwang eine gewisse „Ja-eh“ bzw. „No-na-net“ Stimmung mit. Es waren zwar Wünsche, die ich in Gedanken formulierte, eine besondere Herzensverbindung wollte jedoch nicht aufkommen. Erst bei der anschließenden Gehmeditation, in der ich die gleichen oder ähnliche Wünsche immer weiter übte und an meine Mitmenschen schickte, erfüllten sie mich plötzlich tatsächlich mit voller Hingabe und der Überzeugung, dass ich diesen Menschen bedingungsloses Glück wünsche. Wiedermal wurde mir in dem Moment bewusst, dass sowohl Achtsamkeit als auch Metta in einem Beet von Geduld und Ausdauer gedeihen können.

Den zweiten Tag des Retreats haben wir vollkommen der Achtsamkeit gewidmet. Dabei richteten wir die meiste Zeit unsere Aufmerksamkeit auf den Atem oder auf Körperstellen und -empfindungen. Auch im Liegen meditierten wir, indem Andrea einen 45 Minuten langen Body Scan anleitete und wir unseren Scheinwerfer der Aufmerksamkeit durch den gesamten Körper schickten. Ich freute mich schon auf diese Meditation, da ich sie oft sehr genießen konnte. Dieses Mal hat sich jedoch (dankenswerterweise…) ein neues Lernfeld aufgetan, worauf im Laufe des Tages noch weitere kleine Stürme folgen würden. Ein Meditationskollege hat wohl in der Nacht zu wenig Schlaf bekommen und so haben sich gleich am Beginn während wir unsere Zehen scannten, laute Schnarchgeräusche zu Andreas Worten gesellt. Die Geräusche alleine waren gar nicht die vorrangige Ablenkung, vielmehr begonnen in mir Ärger und sogar leichte Wut zu brodeln. Meine Reaktion auf Schnarchlaute war mir zwar schon bekannt, aber diesmal galt die Ausrede meines gestohlenen Schlafes nicht. Umso interessanter war es jetzt den Zusammenhang zwischen dem Wahrnehmen von Geräuschen an meinem Ohr und den auftauchenden Gedanken und Gefühlen zu beobachten. Ich erinnerte mich an Andreas Worte, die uns ermutigte, auch mal die Aufmerksamkeit dort sitzen lassen zu können, wo sie gerade auf besonders fruchtbaren Boden trifft. So habe ich dann versucht, auch den Ärger ins Licht meiner fokussierten Wahrnehmung zu nehmen („Warum macht er nicht einfach die Augen auf, wenn er ständig einschläft, sie hat es doch eh schon gesagt…Hmm..Oh, Knie, Knie, aha, Ziehen, Druck, Kleidung….ahhh jetzt schnarcht er schon wieder… warum bin ich so wütend nur durch das Geräusch? Aha Ärger, aha Herzklopfen, Augenbrauen kneifen, Atem…“).

Während der anschließenden Sitzmeditationen schwanden das angenehme Ruhegefühl und die leise Zufriedenheit, die ich seit dem Tag meiner Anreise spürte. Anstelle dessen entstand ein Tumult in meinem Geist, der auch die Schmerzempfindungen im Körper, nicht mehr aushalten wollte. Das führte dazu, dass ich die ersten 5 Minuten einer Gehmeditation schwänzte, um mich in meinem Zimmer auf mein Bett zu werfen. Dort blieb ich einige tiefe Atemzüge auf meinem Bauch liegen, bis sich die Wellen langsam in ein Kräuseln verwandelten. Den Rest der Meditationseinheit ging ich so langsam wie möglich durch die Gänge und im Meditationsraum im Kreis, das Kräuseln beobachtend. In derselben Nacht wachte ich aus einem Traum auf, der so seltsam und anders als meine bisherigen Traumerfahrungen war, dass mein Verstand sofort versuchte Erklärungen anzubieten, um mein Erleben in einem Bedeutungszusammenhang zu bringen. Das rationale Denken war in dem Moment durchaus hilfreich, um ein Gefühl von Angst, das noch an den Bildern und Worten aus dem Traum hing, aufzulösen, sodass ich nach einiger Zeit wieder einschlief. Von mehreren Teilnehmenden erfuhr ich während oder nach dem Retreat, dass sie ebenfalls sehr lebhaft träumten und dem einen oder anderen Hindernis begegneten. Ja so ein Retreat ist kein Urlaub – Innenschau und Bewusstseinsarbeit können auch anstrengend werden. Doch auch diese Momente, wo Angst, Trauer und Verwirrung präsent waren, zogen wieder vorbei und machten Platz für neue, frische Augenblicke.

Im Leben Sein

In der längeren Pause nach dem Mittagessen erkundete ich die Umgebung rund um das Zentrum. Die nahegelegenen Wälder und ein Hügel mit Sicht ins Tal luden zum Spazieren gehen ein. Ich überlegte, ob ich mein Handy mitnehmen sollte – vorrangig, um die Uhrzeit und das Ende der Pause im Auge zu behalten. Der mittlerweile vertraute Klang des Gongs würde wohl nicht bis zum Wald vordringen. Ich entschied mich, das Handy nicht einzuschalten und im Zimmer zu lassen. Die Versuchung, Fotos machen zu wollen und mich dadurch wieder mehr mit dem Gerät zu beschäftigen, erschien mir zu groß. Zu Beginn des Retreats wunderte ich mich noch etwas über die scheinbar mangelnde Willenskraft von Teilnehmenden, die darum baten, dass man ihnen ihr Handy abnimmt („Wieder aufgeblattelt, die magnetische Anziehungskraft des Touchscreens macht auch vor mir nicht Halt…“).

Bei der Übung von Metta oder Achtsamkeit kann ein Gefühl von Verbundenheit zu einem wesentlichen Bestandteil der Praxis werden. Ich nahm dieses Thema bewusst mit auf meinen Spaziergang und näherte mich mit langsamen Schritten dem Wald. Umgeben von Bäumen, dem Gezwitscher und Gewusel von Kohlmeisen sowie den Blättern, die unter meinen Schritten leise knirschten, fiel es mir leicht, Verbundenheit zu spüren. Ich ließ meinen Blick umherwandern und sah die vielen Pflanzen, die manchmal ineinander wuchsen und dann auch wieder den nötigen Platz machten für ihre Nachbarn rundherum. Ein Stück abgefallenes Holz am Boden erhaschte meine Aufmerksamkeit. Ich hob es instinktiv auf, drehte es um und sah die vielen kleinen Pilze, die es sich dort gemütlich machten. Die Luft war kalt und frisch, mit jedem Ausatmen zeigte sich die meist unsichtbare Lebensenergie für einen Moment als kleines Wölkchen vor meinen Augen.

Ich fragte mich, ob wir das Verbunden-Sein mit Allem nicht vergessen würden, wenn wir Luft sehen könnten? Die Luft, die wir zum Überleben brauchen und die wir uns hier auf dem Planeten mit allen Bewohnern teilen. Auch diese Gedanken zogen davon und ich landete in einem Moment wieder auf der Spürebene. Irgendwie stimmt es schon, was auch ein kleiner Prinz lernen musste: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ . Ich wanderte weiter hinauf auf den Hügel, von dem aus ich ins Tal hinabblickte. Der Wind wurde inzwischen stärker und sauste mit einem Geräusch von lauten Wellen durch die Bäume bis er auch mich ergriff. Ich blickte in die Ferne, die Luft bewegte meinen Körper und sang in meinem Ohr. Ich fühlte im Leben zu Sein.

Am letzten Tag wurde noch vor der Abreise das Schweigen aufgehoben. Es war zunächst etwas befremdlich, die unüberhörbare Erleichterung wahrzunehmen, die bald das Zentrum füllte. Doch als sich auch aus meinen Erfahrungen langsam Sätze formten, die meine Dialogpartnerin verstehen würde, empfand ich dies ebenfalls als befreiend. Mit diesem Gefühl wollte ich weiterhin achtsam umgehen, um mich nicht mit einem Wortschwall am nächsten Ohr zu erleichtern. Als ich später mein Smartphone wieder einschaltete, lag es wie ein kalter Fremdkörper in meiner Hand. Doch schon bald danach waren Augen und Daumen, wenn auch etwas zögerlicher, wieder am Display, um Zugtickets zu buchen, bei den eintrudelnden Nachrichten glücklich festzustellen, dass kein Notfall in der Zwischenzeit passierte und auch digitale Verbindungen zu meinen Mitmeditierenden einzugehen. So manche erste Kennenlerngespräche waren gleichzeitig auch Abschiede. Dann kam auch der Moment, in dem ich mich unerwartet von meiner Soulbottle verabschieden musste, die am Bahnhof entschied, die Illusion einer Trinkflasche aufzugeben. So stieg ich dann etwas durstig und müde in den Zug. Dank meiner lieben mitreisenden Retreat-Freund*innen, die nicht nur persönliche Erzählungen und Social Media Accounts, sondern auch ihr letztes Wasser mit mir teilten, kam ich schließlich beseelt und dankbar wieder im Wiener Alltag an.

Persönliche Tipps für dein Retreat

  • Ich empfehle dicke Socken und Hausschuhe für das Retreat mitzunehmen. Letztere hatte ich vergessen und so waren meine ehemals naturhellen Socken zum Ende hin schon etwas grindig. Handtücher und Bettwäsche gibt es im Zentrum Scheibbs vor Ort – außer du möchtest dir 10 € sparen.
  • Erwarte dir keinen Entspannungsurlaub und versuche auch nicht mit anderen Retreats zu vergleichen. Es können neue, unerwartete oder auch alte, fast vergessene Erfahrungen und Herausforderungen auftauchen. Hilfreich hierbei ist wie auch in jeder Meditation einen Anfängergeist beizubehalten und immer wieder von Neuem zu beginnen.
  • Nutze die vorhandenen Hilfsmittel, um in eine entspannte Meditationshaltung zu kommen. Es geht ja nicht darum, sich in eine äußere Form zu kämpfen und vielleicht mit anderen zu vergleichen, sondern welche innere Haltung du üben kannst.
  • Ein Retreat kannst du bewusst auch als Übung für den Alltag ansehen. Besonders erkenntnisreiche Momente ergeben sich vielleicht gerade abseits des Kissens, im achtsamen Miteinander oder beim Essen.
  • Wenn du vielleicht nicht gleich mehrere Tage auf ein Retreat fahren möchtest, könntest du ja auch mal zu Hause beginnen: Such dir einen Tag aus, dem du ganz der Meditationspraxis und dem Üben von Achtsamkeit oder Metta widmen möchtest. Schalte dein Handy aus und verfolge deinen eigenen Tagesplan, vielleicht inspiriert von diesem Retreat. Entschleunige dein Tempo und versuche auch bei den alltäglichen Aktivitäten wie Essen und Haushaltsarbeit die Aufmerksamkeit ganz bei deinem momentanen Tun zu halten. Ich wünsche dir viel Freude bei deinen eigenen Retreat-Erfahrungen.

Inspiriert von:

Buddhistisches Zentrum Scheibbs

Andrea Huber

und vielen weiteren

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