Zu Sinnen kommen

In dem Jahr haben wir schon viele stressige Situationen erleben müssen. Einer dieser Momente ist mir von letzter Woche in Erinnerung geblieben: Ich war im Wartezimmer einer Ärztin und habe bemerkt, dass viele Widerstände in mir präsent sind und ich eigentlich nur umdrehen und gehen möchte. Die Situation im Ärzt*innen-Wartezimmer ist ja meistens schon nicht angenehm und in Zeiten von Corona empfinde ich es noch stressiger. In solchen Situationen bemerke ich, wie oft sehr viel Energie und Aufmerksamkeit nur für den Geist und wiederkehrende Gedanken benötigt wird. Die Wahrnehmung von dem, was rundherum geschieht und auch Vorgänge im Körper werden entweder ausgeblendet oder führen zu einem reaktiven Verhalten. Es fühlt sich dann oft so an, als ob der Körper nur ein lästiges Anhängsel vom Kopf wäre (wie meine Yogalehrerin zu sagen pflegt). Und die Welt wird in einer Art Trance erlebt. In solchen Momenten empfinde ich mich wie von Sinnen abgekoppelt. Eine Möglichkeit wieder Ressourcen in Situationen zu finden, in denen wir Stress erleben, ist daher wieder “zu Sinnen zu kommen”. Also zu unserem Tast-/Spürsinn, Sehsinn, Geruchssinn, Geschmackssinn, Gehörsinn.


Übung zum Aktivieren der Sinne in stressigen Situationen:

Egal wo du bist, kannst du üben, wieder zu Sinnen zu kommen. Um in einer unangenehmen Situation schon gewappnet zu sein, hilft es immer mal wieder auch in “neutralen” Situationen zu üben. Zunächst versuchst du eine neugierige und unvoreingenommene Haltung einzunehmen. So als ob du alles um dich herum gerade zum ersten Mal wahrnimmst. Du kannst die Augen schließen wenn du möchtest:

  • Spüre zunächst zu deinen Füßen. Dort zu beginnen kann insbesondere hilfreich sein, da sich die Füße am weitesten weg vom Kopf befinden. Kannst du deine Socken wahrnehmen? Spürst du den harten Boden oder vielleicht einen weichen Untergrund wie einen Teppich? Wenn du dort eine Weile hingespürt hast, kannst du auch wahrnehmen, wo sich dein Körper sonst noch bemerkbar macht. Bewegt dein Atem deinen Körper?
  • Als nächstes kannst du deinen Geschmackssinn aktivieren. Versuche bewusst in deinem Mund etwas zu schmecken. Vielleicht den Snack von vorhin? Auch da musst du nichts benennen oder analysieren. Lass einfach deinen Geschmackssinn wahrnehmen, was gerade da ist.
  • Vom Schmecken kannst du weiter zum Riechen gehen und deinen Geruchssinn aufleben lassen. Hast du vielleicht einen Duft in deinem Zimmer? Oder bist du gerade unterwegs und kannst das Herbstlaub riechen? Du kannst hier auch bewusst ein paar Mal tief die Luft durch die Nase einströmen lassen und wahrnehmen, welche Gerüche in diesem Moment für dich präsent sind.
  • Im nächsten Schritt kannst du deinen Gehörsinn lauter drehen. Vielleicht hast du schon Geräusche irgendwie im Hintergrund wahrnehmen können und plötzlich hörst du sie klarer und lauter? Vielleicht bemerkst du, dass Geräusche aus verschiedenen Richtung bis an dein Ohr gelangen? Gerade beim Hören kannst du erkennen, dass Töne ganz ohne dein Zutun gehört werden und dann auch wieder vergehen.
  • Im letzten Schritt kannst du nun langsam die Augen öffnen: Lass den Blick im Raum oder in deiner Umgebung langsam herumwandern. Welche Farben kannst du sehen? Bemerkst du vielleicht, dass dein Blick bei einer Farbe besonders hängen bleibt? Kannst du hier auch Farbschattierungen wahrnehmen? Was kannst du noch sehen? Oberflächen, Strukturen, Linien. Versuche auch hier wieder besonders deine neugierige Haltung einzunehmen. Vielleicht siehst du Objekte, die du schon 100 mal gesehen hast mit anderen Augen. Du kannst auch deinen Blick länger auf eine Stelle richten und diese ganz aufmerksam erkunden und Details sehen.

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